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„Neben Reli-Unterricht muss es auch Lebenskunde geben“

Erwin Kress [Foto: A. Platzek]
So titelt unlängst die Programm-Zeitschrift „Engels Kultur“ und brachte ein Interview mit Erwin Kress, Präsident des Humanistischen Verbandes NRW über die Gleichberechtigung von Nichtgläubigen.

engels: Herr Kress, der Humanistische Verband hat im September den laut eigener Aussage ersten Bericht zur Diskriminierung konfessionsloser Menschen herausgebracht. Was ist für Sie die Quintessenz dieses „Gläserne Wände“-Reports?

Kress: Das ist eine fortwährende Ungleichbehandlung von religiösen und nichtreligiösen Menschen, die regelmäßig zu einer Schlechterstellung letzterer führt. Religiosität wird in unserem Land als Norm betrachtet. Wer dieser Norm nicht folgt, gerät unter Rechtfertigungsdruck.

Welche Formen der Diskriminierung sind die weitreichendsten?

Das ist schwer zu beziffern. Die Diskriminierung hat für unterschiedliche Menschen unterschiedliche Auswirkungen. Für viele ist es die Einschränkung ihrer Berufswahl durch das kirchliche Arbeitsrecht. Für andere ist es das Fehlen eines konfessionell ungebundenen Kita- oder Schulangebotes. Gerade in NRW haben wir weite Landstriche, in denen es fast nur Konfessionsschulen gibt. Dieser Tage hat sich eine Familie aus Köln an uns gewandt, die keine konfessionsfreie Kita findet und überlegt, ihr Kind gegen die eigene Überzeugung taufen zu

Quelle:  Engels-Kultur 12/2015 - Thema "Ungläubig"

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Am 10. Nov. meldete www.diestadtzeitung.de in Wuppertal: „Schulverweis wegen Kopftuch“. Das betrifft die Sankt Laurentius-Schule, Städtische katholische Hauptschule. Auf ihrer Homepage macht diese öffentlich finanzierte, jedoch katholisch geführte Schule auf ihre Grundsätze aufmerksam: „Verantwortliches soziales Handeln und Toleranz gegenüber Andersdenkenden sehen wir als Grundlage des Zusammenlebens“. Die Schulleiterin Frau Spölmink war telefonisch kurzfristig nicht erreichbar.

Immer mehr Menschen fallen vom Glauben ab

Nicht nur wegen der Kirchen-Skandale und der Kirchen-Steuer, meist ist es auch einfach die Überzeugung, dass das höchste Wesen für den Menschen schlicht der Mensch selbst ist. Also ist auch die Anzahl der Kindstaufen seit Jahren rückläufig, die Mitgliederzahlen der Kirchen schrumpfen und der säkulare Anteil der Bevölkerung nimmt stetig zu. Diese Tatsache findet allerdings auf der Ebene der Bildungseinrichtungen keine Entsprechung. Das liegt auch an unserem Staat und an unserer Stadtverwaltung. Das Menschenrecht auf Schutz des Bekenntnisses wird offenbar als Schutz von Kirchen-Gemeinschaften ausführt.

Kirchen-Macht im Bildungsbereich auch in Wuppertal

In Wuppertal befinden sich rund ein Drittel der Kindertagesstätten in Kirchen-Hand. Obwohl weitgehend öffentlich finanziert, besitzen die kirchlichen Träger eine beachtliche „Marktmacht“. Die Kapazitäten entsprechen etwa denen der Stadt.

Ferner sind von über 50 Grundschulen in Wuppertal elf konfessionelle Bekenntnisschulen – obwohl in städtischer Trägerschaft und zu 100% staatlich finanziert. Dort dürfen die Schüler/innen wegen unpassender Weltanschauung der Eltern auch schon mal abgewiesen werden. So erhalten u.U. nicht alle Kinder eine Aufnahme an der nächstgelegenen Grundschule.

Außerdem gibt es eine katholische Hauptschule, die sog. Stankt Laurentius-Schule. Außen steht katholisch drauf, die Schülerschaft drinnen folgt aber zu zwei Dritteln anderen Bekenntnissen. Wieso also der Titel „katholisch“? Manche denken auch, dass diese katholische Laurentius-Hauptschule dem (privaten) katholischen Sankt-Anna-Gymnasium das dort abgeschulte, katholische „Fußvolk“ vom Halse halten soll. Aber wer glaubt das? Einige trauern vielleicht auch der katholischen Schulaufsicht aus der Kaiserzeit nach.

Was ist denkbar? Was ist heute möglich?

Die Stadt könnte sich entschließen, die Kitas in Kirchen-Trägerschaft nach und nach in Eigenregie zu überführen. Dies dürfte aber mangels aktiver Steuergesetzgebung auf absehbare Zeit nicht zu erwarten sein. Eine Alternative für weltlich gesinnte Eltern ergäbe sich aus der Gründung einer Kita mit ausgewiesen humanistischem Profil, wie z.B. in anderen Bundesländern, siehe z.B. www.hvd-bayern.de.

An allen öffentlichen konfessionellen Grundschulen könnte die Stadt als Schulträger regelmäßig den Elternwillen erheben und ggf. die Umwandlung in eine Gemeinschaftsgrundschule einleiten. Das ist schon heute auf Initiative möglich, die jedoch von den Eltern ergriffen werden muss. Dazu gibt es Beispiele und Hinweise unter www.kurzebeinekurzewege.de.

Auch bei dieser bislang „katholischen“ Hauptschule könnte die Stadt als Schulträger ja eine Elternbefragung durchführen. Vielleicht wollen die Eltern jetzt gar keine „katholische“ Hauptschule mehr?

HP.Schulz

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